Frequently Asked Questions

English Version

Zu unserer AG werden immer wieder bestimmte Fragen gestellt. Hier geben wir Antworten auf die häufigsten Fragen.

Autor*innen

Weiterführende Literatur und Links


Warum nennt ihr euch “feministisch”? Reicht nicht “kritische Medizinethik”?

Warum brauchen wir Feminismus? Unsere Gesellschaft ist stark durch Gender-Normen und gefestigte Geschlechterrollenbilder geprägt. Feminismus ist eine soziale Bewegung, die sich gegen soziale Ungerechtigkeiten einsetzt. Ziel ist die Überwindung von Ungerechtigkeiten, die auf patriarchale und cis-heteronormative Strukturen zurückzuführen sind. Es geht dabei um die Sichtbarmachung von marginalisierten Perspektiven und Lebensrealitäten. 

Wir möchten eine kritische feministische Medizin- und Bioethik etablieren. Feminismus ist für die Medizin- und Bioethik aus verschiedenen Gründen relevant, zum Beispiel…

  • für einen kritischen Blick auf die klinische Versorgung. Häufig haben marginalisierte Personengruppen Schwierigkeiten im Zugang zu Gesundheitsversorgung oder beispielsweise besondere Gesundheitsbedarfe, die unter anderem auf eine übermäßige Belastung durch sozialen Stress zurückzuführen sind. Dies beinhaltet auch einen kritischen Blick auf die medizinischen Strukturen. Wer pflegt wen und wer entscheidet?
  • für einen kritischen Blick auf die medizinische und bioethische Forschung. Denn häufig werden bei der Forschung die Bedarfe marginalisierter Personengruppen vernachlässigt. Welche Krankheiten und Techniken werden erforscht, welche Interessen werden dabei bedient? Welche Variablen werden dabei als Faktoren berücksichtigt? Wessen Wissen wird als solches anerkannt und in die Forschung mit einbezogen?
  • für einen kritischen Blick auf ethische Analysen. Strukturelle Diskriminierung wirft ethische Fragen auf. Wie sieht eine faire Verteilung von Ressourcen aus, wenn Personen aufgrund von struktureller Diskriminierung gesundheitlich benachteiligt sind? Welche Werturteile und Normen beeinflussen ethische Argumentationen und wie sind diese begründet?

Mit intersektional-feministischen Ansätzen können die oft gleichzeitig wirkenden sozialen Ungleichheiten und gesellschaftlichen Machtverteilungen mit ihrem Einfluss auf Gesundheit analysiert werden. Wir möchten Vernetzung anregen, um die deutschsprachige Medizin- und Bioethik inklusiver und diverser zu gestalten. 

Feministische Ansätze kritisieren sehr viel, aber gehen sie auch über Kritik hinaus? Was ist der Beitrag, den sie leisten?

Wie andere kritische Theorien geht feministische Kritik immer über das Bestehende bzw. den Status Quo hinaus: Indem sie bestimmte Bedingungen kritisiert, verweist sie auf die Möglichkeit eines (gesellschaftlichen) Zustandes, in dem die kritisierten Umstände überwunden sind. Mit der historischen Analyse und der Sichtbarmachung gegenwärtiger Ungerechtigkeiten leistet sie einen Beitrag zur Verbesserung der aktuellen Zustände. 

Kritik verstehen wir als einen Prozess in drei Schritten: Analyse, Reflexion und Veränderung. Kritik schließt also auch die Frage ein, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und gibt eine konstruktive Antwort auf den Status-Quo. 

Kümmert sich Feminismus nicht vor allem um die Einhaltung von Partikularinteressen? Wie ist das mit dem grundsätzlichen universalistischen Anspruch der Medizinethik vereinbar?

Feminismus kümmert sich nicht (nur) um die Wahrung von Rechten von marginalisierten Personen(gruppen), sondern strebt eine Verbesserung der strukturellen Bedingung ALLER an. Denn gesellschaftliche Normen wirken sich auf alle Personen in dieser Gesellschaft aus und schränken unter anderem die Selbstbestimmung von Menschen ein.

Feministische Medizinethik ist sowohl ihrem Anspruch nach als auch tatsächlich in ihrer Umsetzung universalistisch. Da sie eine Form von Medizinethik ist, die explizit alle Geschlechter (auch abseits der binären Geschlechterordnung) sichtbar macht und anerkennt, stellt sie genau das Gegenteil einer Ethik dar, die rein spezifische Partikularinteressen in den Blick nimmt. Vielmehr analysiert sie bspw. Ausschlussmechanismen gesundheitlicher Versorgung aufgrund von Geschlecht, Klasse, Rassismus und Behinderung. Sie stellt den “neutralen” und universalistischen Anspruch der etablierten Medizinethik in Frage, die diese Verschränkungen oft nicht mitdenkt.

Können auch Männer mitmachen bzw. können Männer feministische Ethik betreiben?

Unbedingt! Eine bestimmte geschlechtliche Identität oder das als biologisch festgelegte Geschlecht einer Person ist keine Voraussetzung für feministische Arbeit. Vergeschlechtliche soziale Normen schaden nicht nur cis Frauen, sondern allen. Alle Menschen können daher von feministischer Arbeit profitieren. Um konkrete soziale Veränderungen zu erreichen, ist es notwendig, dass sich möglichst viele Personen beteiligen – und weiter: Auch und insbesondere privilegierte Personen sollten sich dafür einsetzen, dass sich ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse ändern. 

Schließt der Begriff “Feminismus” nicht bestimmte Personengruppen aus?

Es ist wichtig, sich mit internen und externen Kritiken am Feminismus auseinanderzusetzen. Feminismen haben immer wieder Personen ausgeschlossen und marginalisiert, z.B trans* Personen, von Rassismus betroffene Personen, sozio-ökonomisch marginalisierte Personen und weitere Menschen. Es ist darum relevant, immer wieder zu prüfen, wessen Interessen zentriert werden. Wir bemühen uns um einen intersektionalen Ansatz, der die Verschränkung verschiedener Unterdrückungsformen berücksichtigt.

Es gibt doch schon die Care-Ethik. Warum braucht es dann noch feministische Medizinethik?

Feministische Perspektiven auf medizinische Themen sind in der Care-Ethik verankert, aber auch in kritisch-posthumanistischen Diskursen, der Wissenschafts- und Technikforschung (bspw. zu Reproduktionstechnologien und Digitalisierung wie auch in spezifisch technikfeministischen Strömungen wie dem Cyborg-, Techno- oder Xenofeminismus), sowie der Forschungsethik, um nur einige zu nennen. Care-Ethik ist nur ein Ansatz einer feministischen Medizinethik. 

Weitere feministische theoretische Ansätze können z. B. Queer Ethics, Critical Disability Ethics, intersektionale Ethiken oder Praxiskonzepte wie die Anti-Bias-Arbeit sein. Diese stehen sich nicht entgegen oder in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen einander.

Brauchen wir die feministische Medizinethik, wenn wir doch schon Gendermedizin haben?

Gendermedizin oder geschlechtersensible Medizin und feministische Medizinethik sind zwei unterschiedliche Zugänge zu zwei unterschiedlichen Themengebieten. In der Literaturliste finden Sie weitere Informationen über geschlechtersensible Medizin. 


Autor*innen (alphabetisch): Lisa Brünig, Mirjam Faissner, Kris Vera Hartman, Janina Loh, Stefanie Weigold


English Version

Certain questions are often asked about our working group. Here we provide answers to the most frequently asked questions.

Authors

Further literature and links


Why do you call yourselves „feminist“? Isn’t „critical medical ethics“ enough?

Why do we need feminism? Our society is strongly shaped by gender norms and entrenched gender role models. Feminism is a social movement that campaigns against social injustice. The aim is to overcome injustices that can be traced back to patriarchal and cis-heteronormative structures. It is about making marginalized perspectives and realities of life visible.

We want to establish a critical feminist medical and bioethics. Feminism is relevant to medical and bioethics for a number of reasons, for example….

  • for a critical view of clinical care. Often marginalized groups of people have difficulties in accessing health care or, for example, have special health needs due to, among other things, excessive exposure to social stress. This also includes a critical look at medical structures. Who cares for whom and who decides?
  • for a critical look at medical and bioethical research. This is because research often neglects the needs of marginalized groups of people. What diseases and techniques are being researched, what interests are being served? Which variables are taken into account as factors? Whose knowledge is recognised as such and included in the research?
  • for a critical look at ethical analyses. Structural discrimination raises ethical questions. What does a fair distribution of resources look like when people are at a health disadvantage due to structural discrimination? What value judgements and norms influence ethical reasoning and how are they grounded?

Intersectional feminist approaches can be used to analyze the social inequalities and social power distributions that often operate simultaneously with their influence on health. We would like to encourage networking in order to make German-language medical and bioethics more inclusive and diverse.

Feminist approaches criticize a lot, but do they also go beyond criticism? What is the contribution they make?

Like other critical theories, feminist critique always goes beyond the existing or the status quo: by criticizing certain conditions, it points to the possibility of a (social) condition in which the criticized circumstances are overcome. By analyzing history and making present injustices visible, it contributes to the improvement of current conditions.

We understand critique as a process in three steps: Analysis, reflection and change. Critique thus also includes the question of what kind of society we want to live in and gives a constructive answer to the status quo.

Isn’t feminism primarily concerned with the observance of particular interests? How is this compatible with the fundamental universalist claim of medical ethics?

Feminism is not (only) concerned with upholding the rights of marginalized persons (groups), but strives to improve the structural condition of ALL. This is because social norms affect all persons in this society and, among other things, restrict people’s self-determination.

Feminist medical ethics is universalist both in its claim and in its actual implementation. Since it is a form of medical ethics that explicitly makes visible and recognises all genders (also beyond the binary gender order), it is exactly the opposite of an ethics that focuses on purely specific particular interests. Rather, it analyzes, for example, exclusion mechanisms of health care based on gender, class, racism and disability. It questions the „neutral“ and universalistic claim of established medical ethics, which often does not take these interconnections into account.

Can men also participate or can men do feminist ethics?

Absolutely! A specific gender identity or the gender of a person as biologically determined is not a prerequisite for feminist work. Gendered social norms harm not only cis women, but everyone. All people can therefore benefit from feminist work. In order to achieve concrete social change, it is necessary that as many people as possible participate – and further: privileged people should also and especially work to change unjust social conditions.

Doesn’t the term „feminism“ exclude certain groups of people?

It is important to address internal and external critiques of feminism. Feminisms have excluded and marginalized people, e.g. trans* people, people affected by racism, socio-economically marginalized people and others. It is therefore relevant to keep examining whose interests are being centered. We strive for an intersectional approach that takes into account the intersection of different forms of oppression.

Care ethics already exist. Why then is there a need for feminist medical ethics?

Feminist perspectives on medical issues are anchored in care ethics, but also in critical posthumanist discourses, science and technology studies (e.g. on reproductive technologies and digitalisation as well as in specific techno-feminist currents such as cyborg, techno- or xenofeminism), and research ethics, to name but a few. Care ethics is only one approach to feminist medical ethics.

Other feminist theoretical approaches can be, for example, queer ethics, critical disability ethics, intersectional ethics or practice concepts such as anti-bias work. These do not oppose or compete with each other, but complement each other.

Do we need feminist medical ethics when we already have gender medicine?

Gender medicine or gender-sensitive medicine and feminist medical ethics are two different approaches to two different topics. In the bibliography you will find more information about gender-sensitive medicine.


Authors (alphabetical): Lisa Brünig, Mirjam Faissner, Kris Vera Hartman, Janina Loh, Stefanie Weigold


Weiterführende Literatur und Links / Further literature and links

Feministische Medizinethik / Feminist Medical Ethics

Faissner M, Hartmann KV, Marcinski-Michel I, Müller R, Weßel M. Feministische Perspektiven in der deutschsprachigen Medizinethik: eine Bestandsaufnahme und drei Thesen [Feminist perspectives in German-language medical ethics: a review and three hypotheses]. In Ethik der Medizin 34, p. 669–686 (2022)

Feministische Medizin e.V.

Geschlechtersensible Medizin / Gender sensitive Medicine

Heteronormativität / Heteronormativity

Wagenknecht, Peter, »Heteronormativität«, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 6/I, Hamburg 2004, Spalten 189-206.

Intersektionalität / Intersectionality

Portal Intersektionalität

Kritische, feministische Perspektiven klinischer Ethik / Critical feminist perspectives in clinical ethics 

LGBTIQA+

Köller, K., Schautz, I., & Binder, M. (2022). Queergestreift: Alles über LGBTIQA+, (2. Aufl.). Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG.


Veröffentlicht am 30.10.2023